Einleitung
Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der eigene Wohnraum soll nicht nur komfortabel sein und vor Wind und Wetter schützen, sondern auch Sicherheit und Geborgenheit bieten. Tägliche Nachrichten über Einbruchserien durch Verbrecherbanden, über Kriminalität und Terror beeinträchtigen unser Sicherheitsgefühl.
Mit seinen einzigartigen Eigenschaften und technologischen Möglichkeiten kann der Werkstoff Glas helfen, Gefahren abzuwehren und Sicherheit herzustellen.
Die Sicherheitssonderverglasungen für die verschiedenen Angriffsarten werden durch drei europäische Normen aus der Reihe Glas im Bauwesen vorgegeben. Die Klassifizierung muss jeweils durch eine Prüfung an repräsentativen Probekörpern erfolgen.
Um einem manuellen Angriff auf eine Verglasung erfolgreich standzuhalten, werden Glasscheiben mit zähelastischen Zwischenschichten versehen. So wird das Durchdringen des gesamten Elementes erschwert bis unmöglich gemacht. Der Aufbau und die Dicke dieser Verbundsicherheitsgläser (VSG) richten sich nach den Sicherheitsanforderungen. Durchwurf- und durchbruchhemmende Gläser können mit der Anzahl der Glasschichten und der Dicke der zwischenliegenden PVB-Schichten den jeweiligen Sicherheitsbedürfnissen angepasst werden: Je mehr Glasschichten und je dicker die PVB-Zwischenschichten, desto höher die Widerstandsklasse.
Die Europäische Norm DIN EN 356 beschreibt die Prüfverfahren und die Klasseneinteilung für den Widerstand von Verglasungen gegen manuellen Angriff.
Zur Bestimmung der Widerstandsklasse eines Glasaufbaus werden in Prüfgeräten unter standardisierten Prüfbedingungen aus un- terschiedlicher Höhe harte Fallkörper (Stahlkugeln) auf Verglasungsprobekörper abgeworfen. In mechanischen Vorrichtungen werden die Probekörper mit Werkzeugen wie Axt und Hammer angegriffen. Je nach erreichter Widerstandsfähigkeit wird die Verglasung einer Widerstandsklasse zugeordnet.
Zuordnung Widerstandsklasse
Ein Fenster wird jedoch nicht einfach nur durch den Einsatz einer Sicherheitsverglasung zum Sicherheitsfenster. Einbrecher wollen Lärm vermeiden und attackieren deshalb oftmals nicht die Verglasung, sondern versuchen, den Fensterflügel gewaltsam aufzuhebeln. Effektiver Schutz ist deshalb nur mit einem Gesamtsystem von aufeinander abgestimmten Komponenten möglich. Rahmen, Beschläge, Verglasung und die Befestigung müssen gemeinsam eine lückenlose Sicherheitskette bilden. Insbesondere ist eine fachgerechte Montage im Baukörper entscheidend für die Wirksamkeit des Bauteils.
Die einbruchhemmenden Eigenschaften von Fenstern und Türen sind im CE-Zeichen und der Leistungserklärung aufzuführen. Zur Klassifizierung legt die Europäische Normenreihe DIN EN 1627 bis 1630 „Türen, Fenster, Vorhangfassaden, Gitterelemente und Abschlüsse – Einbruchhemmung“ Anforderungen an die Einbruchhemmung und Prüfverfahren zur Ermittlung der Widerstandsfähigkeit unter verschiedenen Belastungsarten fest. Die vier Normen dieser Reihe betreffen im Einzelnen:
Normenreihe zur Klassifizierung von Bauteilen
Die Norm DIN EN 1627 definiert sieben Widerstandsklassen RC (RC = Resistance Class): Bei den Widerstandsklassen RC 1 N, RC 2 N, RC 2 und RC 3 wird von Gelegenheitstätern ausgegangen, die mit einfachen Werkzeugen an Fenstern und Türen angreifen. Stoßen solche Angreifer auf Widerstand, wird der Einbruchsversuch häufig abgebrochen.
Anders bei den Widerstandsklassen RC 4, RC 5 und RC 6, bei denen die Bauteile deutlich schwereren Angriffen standhalten müssen. Einbrüche durch professionelle Einbrecherbanden sind oftmals gezielt geplant, es wird massives, auch schneidendes Werkzeug zur Überwindung der Bauteile eingesetzt.
Den unterschiedlichen Widerstandsklassen der Fenster werden in der Norm DIN EN 1627 jeweils Verglasungen mit Widerstandsklassen nach DIN EN 356 zugeordnet:
Bei der Prüfung der Bauteile nach DIN EN 1628 bis 1630 zur Ermittlung der Widerstandsklasse wird durch die Festlegung der Angriffseite die Einbauorientierung der Verglasung vorgegeben. Sie muss für das so zertifizierte Bauelement auch immer mit dieser Orientierung eingebaut werden.
Eine Kombination von Verbundsicherheitsgläsern mit alarmauslösenden Warnsystemen (Alarmglas) kann zusätzlich für Sicherheit sorgen. Die mechanischen Sicherungsmaßnahmen werden dabei über die Verglasung mit Einbruchmeldeanlagen kombiniert.
VdS-Klassifizierung in Deutschland
Die VdS Schadenverhütung GmbH ist eine 100%-ige Tochtergesellschaft des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Das Unternehmen ist schwerpunktmäßig in den Bereichen Brandschutz, Security, Naturgefahrenprävention und Cyber-Security tätig. Durch technische Prüfstellen werden Produkte und Dienstleister zertifiziert.
In VdS-Richtlinien sind Anforderungen an Schutzniveaus formuliert, die unter anderem von der Versicherungswirtschaft angewandt werden. Die Berücksichtigung von VdS-Richtlinien muss im Einzelfall vereinbart werden. Für Glas, Fenster und Fassaden sind folgende VdS-Richtlinien relevant:
Die Schutzklassen nach VdS beziehen sich auf die Europäischen Normen, sind jedoch nicht deckungsgleich mit den dort definierten Widerstandsklassen. Für nähere Informationen wird auf die o. g. Richtlinien verwiesen, die unter www.vds.de kostenlos verfügbar sind.
Durchwurfhemmende Verglasungen schützen vor Einbruch und Vandalismus in Gebäuden. Sie wehren den so genannten Spontanangriff auf die Verglasungseinheit ab. Die Norm DIN EN 356 definiert fünf Widerstandsklassen mit steigender Schutzwirkung.
Kugelfallversuch
Im Kugelfallversuch werden Metallkugeln mit einem Durchmesser von 10 cm und einem Gewicht von 4,11 kg verwendet. Die Fallhöhe wird für die zu prüfende Widerstandsklasse eingestellt. Für die Widerstandsklassen P1A, P2A, P3A und P4A wird der Fallkörper dreimal aus derselben Höhe fallengelassen, so dass um die geometrische Mitte des Probekörpers ein gleichseitig dreieckiges Trefferbild entsteht. Für die Widerstandsklasse P5A muss das Verfahren für jeden Probekörper dreimal ausgeführt werden. Die Prüfung gilt als bestanden, wenn die eingespannte Glasprobe auch beim dritten Versuch nicht von der Kugel durchschlagen wird.
Durchbruchhemmende Verglasungen sollen schwere Angriffe, die auch mit schneidendem Werkzeug erfolgen können, abwehren. Typische Einsatzbereiche sind Juwelier- und Antiquitätengeschäfte, Museen und Galerien, IT-Zentren, Justizvollzugsanstalten. Die Norm DIN EN 356 definiert drei Widerstandsklassen mit steigender Schutzwirkung.
Die Prüfung wird mit einer Axtmaschine durchgeführt, die den Angriff einer handgeführten Axt von 2 kg Gewicht simulieren soll. Dabei wird die Anzahl der Schläge ermittelt, die benötigt werden, um eine 400 x 400 mm große Öffnung in den Prüfkörper des Formats 900 x 1100 mm zu schlagen. Die Maschine führt die Axt mit definierter Auftreffgeschwindigkeit von ca. 11 m/s und Auftreffenergie von ca. 300 J gegen die Glasprobe. Die Widerstandsklasse gegen Durchbruch ergibt sich aus der Art der Beanspruchung und der Anzahl der ausgeführten Axtschläge. Ein geprüfter VSG-Aufbau wird mit dem niedrigsten Wert der Widerstandsklasse klassifiziert, der an drei Proben ermittelt wurde.
Durchschusshemmendes Sicherheitsglas wird ebenso wie die Widerstandsfähigkeit gegen manuellen Angriff durch Verbundsicherheitsgläser mit unterschiedlich dicken Glasscheiben und mehrlagigen Folien aus hochreißfestem Material erreicht. Je nach Typ und Aufbau halten diese Gläser unterschiedlichen Waffentypen stand. Durchschusshemmendes Glas wird auch als Panzerglas bezeichnet. Auf Grund ihrer Aufbauten bieten diese Verglasungen zwangsläufig auch eine verbesserte Durchbruchhemmung.
Die Europäische Norm DIN EN 1063 be- schreibt die Prüfverfahren und die Klasseneinteilung für den Widerstand von Verglasungen gegen Beschuss.
Die Verglasung gilt als durchschusshemmend, wenn sie bei der Prüfung unter standardisierten Bedingungen das Durchdringen von Geschossen unterschiedlicher Munitionsart verhindert. Die Prüfung erfolgt durch dreimaligen Beschuss einer Glasprobe der Abmessung 500 x 500 mm mit einem bestimmten Kaliber, bei fixiertem Abstand der Einschüsse zueinander. Der Beschuss erfolgt bei den Faustfeuerwaffen aus 5 m und bei Büchsen und Flinten aus 10 m Entfernung.
Die Norm definiert sieben Widerstandsklassen BR (BR = Bullet Resistance) und zwei Widerstandsklassen SG (SG = Shot Gun).
Widerstandsklassen Beschusshemmung
Der Zusatz splitterfrei NS (NS = No Spall) und Splitterabgang S (S = Spall) kennzeichnet, ob sich Personen in Scheibennähe aufhalten können. Splitterfreie beschussfeste Gläser (NS) müssen überall dort eingesetzt werden, wo sich im Ernstfall Personen unmittelbar hinter der Scheibe befinden können.
Auch für Beschusshemmung werden Bauteile wie Fenster oder Türen analog zum manuellen Angriff nach Europäischen Normen geprüft und klassifiziert. Den jeweiligen Bauteil-Widerstandsklassen werden Mindestwiderstandsklassen des Glases nach DIN EN 1063 zugeordnet.
Durchschusshemmende Gläser werden für Polizei, Justiz und im militärischen Bereich, für Politik und im Bankengewerbe, aber auch in Industrie und sonstigen gefährdeten Bereichen des Objekt- und Personenschutzes eingesetzt.
Hinter sprengwirkungshemmenden Gläsern werden Personen vor den Stoßwellen einer Sprengstoffexplosion geschützt. Die Schutzwirkung muss jedoch im Zusammenhang mit allen angrenzenden Bauteilen gesehen werden, da sie nicht nur vom Glaserzeugnis selbst, sondern in besonderem Maße auch vom Einbau des Glases bzw. des Bauelements abhängt.
Die Europäische Norm DIN EN 13541 beschreibt die Prüfverfahren und die Klasseneinteilung für den Widerstand von Verglasungen gegen Sprengwirkung. Die Widerstandsklassen der Gläser dienen zur Vorauswahl der passenden Verglasung für die Prüfung kompletter Bauteile.
Bei der Prüfung werden an Glasproben des Formats 900 x 1100 mm senkrecht auf sie auftreffende Wirkungen von TNT-äquivalenten Sprengladungen simuliert. Der erforderliche Druckstoß wird in einem Stoßrohr oder einer ähnlichen Einrichtung erzeugt, um die Detonation einer Sprengladung nachzuahmen. Dabei wird der positive Maximaldruck einer reflektierten Stoßwelle ermittelt, dem die Verglasung bei einer Einwirkungsdauer von ca. 20 Millisekunden standhält. Je nach Beanspruchungsart ergeben sich die unterschiedlichen Widerstandsklassen.
Die Norm definiert vier Widerstandsklassen ER (ER = Explosion Resistance).
Widerstandsklassen Sprengwirkungshemmung
Sprengwirkungshemmende Verglasungen finden Einsatz in öffentlichen Gebäuden, Kraftwerken, Flughäfen, militärischen Einrichtungen und Botschaften.
Auch hier kennzeichnet der Zusatz splitterfrei NS und Splitterabgang S, ob sich Personen in Scheibennähe aufhalten können.
AKTIVE SICHERHEIT – ANGRIFFHEMMENDE VERGLASUNGEN